22 Jahre

Donnerstag, 23. April 2020
Tag 24 im Home Office

Wo ich gerade das Datum sehe, fällt mir auf, dass mein „Papa“ heute 60 wird… Komplizierte Geschichte bei mir. Mein „Papa“ war nicht mein biologischer Vater, aber das habe ich nie gespürt. Ich habe Papa zu ihm gesagt, und ich mochte ihn lieber als meine Mutter. Und ich glaube, er mochte mich auch lieber als meine Schwester, obwohl sie sein leibliches Kind war. Bis zu dem Punkt, wo sich meine Eltern getrennt haben. Das ist fast 22 Jahre her und seit dem habe ich ihn nicht mehr gesehen… Und seitdem finde ich es auch komisch, weiterhin Papa zu sagen, wenn ich von ihm rede. Aber ihn beim Namen zu nennen, oder „er“ zu sagen, es besonders zu betonen und vielleicht sogar die Anführungszeichen zu gestikulieren, finde ich genauso komisch.
Irgendwann vor ein paar Jahren hab ich bei meiner Schwester ein Foto von ihm an der Wand entdeckt. Das kam so unvorbereitet, dass mich das so richtig ins Herz getroffen hat. Damit hab ich einfach nicht gerechnet und das hat mich richtig aus der Bahn geworfen.

Seit über 20 Jahren hab ich also nichts mehr von ihm gehört. Wahnsinn, wieviel Zeit das ist! Als ich ihn das letzte mal gesehen habe, hat er sein Werkzeug aus dem Keller geholt. Meine Mutter war nicht da, ich war alleine zu Hause um hab ihm die Tür aufgeschlossen und stand heulend neben ihm. Rotzblasen hab ich geheult und ich hatte so einen Kloß im Hals, dass ich einfach nichts sagen konnte. Ich wollte einfach nur, dass er wieder zurück kommt. Oder zumindest, dass ich ihn nicht verliere. Aber ich durfte an den Wochenenden nicht zu ihm. Ich war ja nicht seine leibliche Tochter.
Damals war ich so verletzt und habe geglaubt, dass er mich zurück gewiesen hat. Heute glaube ich eher, dass das von seiner neuen Frau ausging. Meine Schwester durfte hin, aber mich wollte sie vermutlich nicht bei sich haben. Ich wäre aber auch nicht hingegangen, schätze ich. Aber ich hätte trotzdem gern Kontakt zu ihm gehabt.
Als er alles gepackt hatte, hat er mich noch mal in den Arm genommen und gesagt „Die Zeit heilt alle Wunden, mein Kind.“ Jetzt muss ich tatsächlich ein bisschen heulen. Obwohl es so lange her ist, sitzt die Verletzung immer noch tief und schon immer hab ich in Gedanken verbittert geantwortet, dass die Zeit keine einzige Wunde geheilt hat. Jetzt fällt mir aber erstmal auf, dass er „mein Kind“ gesagt hat…

Ich habe nie versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Vielleicht hat er darauf gewartet, dass ich den ersten Schritt mache… Aber ich finde nicht, dass ich am Zug war. Im Sommer war die Trennung und im folgenden Winter hat er mich zum Geburtstag angerufen und ich weiß noch, dass ich am Telefon gekämpft habe, nicht loszuheulen. Aber ich konnte auch nicht viel sagen, weil ich einen dicken fetten Kloß im Hals hatte. Vielleicht hat er dann gedacht, dass ich mit ihm nichts mehr zu tun haben möchte, denn er hat mich danach nie wieder angerufen.

Vor zehn Jahren hab ich einen Vorstoß gewagt. Da hab ich ihm zu seinem Geburtstag schöne Grüße ausrichten lassen. Damals, mit einer demütigen Einstellung dem Leben gegenüber, dachte ich, ich sollte es versuchen, bevor es vielleicht zu spät ist.
Vielleicht hätte ich ihn anrufen sollen, ihm einen Brief schreiben sollen… keine Ahnung… Aber außer, dass er sich über meine Geburtstagsgrüße gefreut hat, kam nichts zurück. Ein paar Monate lang hatte ich die Hoffnung, dass da noch was kommt, aber es kam nichts.
Dann hatte ich immer mal die Hoffnung, dass ich ihn auf einer Familienfeier bei meiner Schwester treffe – aber auch da kam er nie. Ich weiß nicht, wieso er nicht kommt. Meine Schwester meint, er kommt wegen meiner Mutter nicht, aber sorry… die werden sich doch wohl mal ein paar Stunden zusammenreißen können, wenn deren gemeinsamer Enkel seinen 1. Geburtstag feiert. Oder wenn der zweite gemeinsame Enkel seinen 1. Geburtstag feiert. Oder wenn… tja… aber er kommt nie. Im Sommer wird mein großer Neffe eingeschult. Ich bin gespannt, ob man sowas dann wieder feiern darf, und wenn ja, dann bin ich gespannt, ob ich ihn da dann mal wieder sehen werde. Nach 22 Jahren. Ich würde mich tatsächlich freuen.

6 Gedanken zu “22 Jahre

  1. Babsi schreibt:

    >>> Vielleicht hat er dann gedacht, dass ich mit ihm nichts mehr zu tun haben möchte, denn er hat mich danach nie wieder angerufen.<<<

    Vielleicht wollte er Dir aber auch nicht immer wieder weh tun und hat sich deswegen nicht mehr gemeldet?!

    Es ist nie zu spät den Kontakt zu suchen. Ruf ihn an, schreib ihm zum Geburtstag, melde Dich. Das Leben ist zu kurz um darauf zu warten, dass andere Leute sich melden. Du wirst es bereuen … eines Tages. Wenn er tatsächlich keinen Kontakt möchte, weißt Du es dann. Vielleicht wartet er genau so darauf, dass Du den 1. Schritt machst, wie anders herum.

    Gruß
    Babsi

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    • keschu schreibt:

      So hab ich das noch gar nicht gesehen. Aber das glaube ich eigentlich nicht. Denn nach der Trennung hab ich ihn nur noch ein oder zwei mal gesehen, das letzte mal war eben, als er seine Sachen abgeholt hat, und angerufen hat er mich nur dieses einzige Mal zu meinem Geburtstag. Und sonst hat er nie nach mir gefragt oder so.
      Es ist mir heute auch egal, was seine Beweggründe waren.

      Die Zurückweisung tut mir zwar heute immer noch ein bisschen weh, aber ich hab meinen Frieden damit gemacht und deshalb möchte ich da jetzt auch gar nicht mehr dran rütteln und muss jetzt keinen Kontakt mehr haben. Damals hab ich mir das gewünscht, heute gehts mir gut, so wie es ist. Aber ihn mal auf einer Feierlichkeit wieder zu sehen, wär halt mal schön.

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  2. nephi88 schreibt:

    Er kommt doch sicher mal mit oder ohne seine Frau deine Schwester besuchen oder? Vielleicht kann deine Schwester es arrangieren, dass du dann auch da bist und ihr euch „zufällig“ zum Kaffee und Kuchen mal begegnet? Ohne deine Mutter wäre das vielleicht eine entspannte Atmosphäre in der es sich reden ließe.
    Schade dass ein Mensch derart aus dem Leben verschwindet, der für dich Familie war. Aber es wäre meine Meinung nach eindeutig an ihm gewesen den Kontakt zu halten. Aus Erwachsenen Sicht lässt sich das schließlich viel objektiver Betrachten, als aus Sicht eines Kindes, das mit der Situation einfach nur überfordert wird…

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    • keschu schreibt:

      Ohne meine Mutter wäre das auf jeden Fall entspannter. Ich denke, sie erwartet auch, dass ich auf ihrer Seite stehe.
      Tatsächlich kommt er aber eher selten zu meiner Schwester. Wenn, dann fährt sie hin und das passiert auch nur 2x im Jahr, zu Ostern und Weihnachten, schätze ich… Wobei… ich weiß es nicht, vielleicht fährt sie öfter hin und erzählt es nur nicht.

      Seh ich auch so. Er hätte als der Erwachsene weiter denken müssen und die Situation erfassen müssen. Aber gut, er wird seine Gründe gehabt haben. Und ich bin darüber inzwischen wenigstens nicht mehr verbittert.

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      • nephi88 schreibt:

        Okay, dann scheint er aber grundsätzlich vielleicht weniger ein „Familienmensch“ zu sein, wenn er auch zu seiner leiblichen Tochter relativ wenig Kontakt hat. Aber war um manche Menschen aus dem eigenen Leben verschwinden, kann man auch nicht immer verstehen, da die Wahrnehmung der Situation immer sehr subjektiv ist. Es ist gut, dass du darüber nicht mehr verbittert bist und wer weiß, vielleicht begegnet ihr euch ja doch irgendwann bei einer Familienfeier und baut ein lockeres Verhältnis zu einander auf.

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