If I could turn back time

Montag, 17. August 2020
Tag 96 im Home Office

Seit Tagen versuche ich diesen Eintrag zu schreiben und weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Es ist so viel… Und ich müsste so weit ausholen. Ich bin überwältigt und überfordert.

Ich habe meinen Papa wieder getroffen. Nach 22 Jahren. Mir treibt es nach über einer Woche immer noch Freudentränen in die Augen, wenn ich daran denke.
Und gleichzeitig könnte ich heulen vor Wut, wenn ich mir bewusst mache, dass wir diese Zeit umsonst verloren haben.

Ich habe wieder Kontakt mit ihm, wir schreiben bei WhatsApp. Es ist noch etwas hölzern, wir wissen beide noch nicht so richtig, was wir sagen sollen. Wir tasten uns vorsichtig wieder aneinander. Ich wüsste gern, wieso unser Kontakt abgebrochen ist. Aber das ist kein Thema für die ersten Gespräche nach 22 Jahren. Das ist außerdem ein Thema, das ich lieber persönlich besprechen möchte. Ich möchte nicht, dass per WhatsApp wieder Missverständnisse aufkommen, weil ein geschriebener Satz falsch interpretiert wird. Und am Telefon… Ich weiß nicht. Nein, das hat Zeit, auch wenn es mir wirklich unter den Nägeln brennt.

Ich hab in der vergangenen Woche meine ganz alten Tagebücher durchgelesen, die noch so richtig oldschool per Hand geschrieben waren. Das war wie eine Zeitreise! Eigentlich wollte ich nur wissen, was ich über die Trennung meiner Eltern geschrieben hab, aber ich hab dann doch alles gelesen 😀 Ich musste teilweise ja wirklich lachen. An so vieles konnte ich mich überhaupt nicht mehr erinnern! Wirklich gar nicht! Aber über das wichtigste, die Trennung meiner Eltern und speziell das Verhältnis zu meinem Papa habe ich nichts geschrieben. Gar nichts! Nur von der Trennung an sich, das hab ich aufgeschrieben und später, dass er seine neue Freundin heiratet und einmal in einem Nebensatz, dass er mich angerufen hat. Daran kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Ich dachte bis letzte Woche, er hätte mich nur noch einmal zu meinem Geburtstag angerufen, aber offenbar nicht.
Ich weiß nicht, ob er regelmäßig angerufen hat. Ich kann mich nicht erinnern und ganz offensichtlich ist meine Erinnerung inzwischen auch verfälscht. Ich hab scheinbar so vieles verdrängt, weil ich es nicht fühlen wollte. Und aufgeschrieben habe ich es auch nicht, weil ich mich damit nicht auseinandersetzen wollte… Und deshalb hab ich scheinbar noch so lange daran zu knabbern gehabt. Ich habe die Trennung eigentlich nie richtig verarbeitet.
Ich weiß nichts darüber, wie es mir damals ging, was abgelaufen ist, was ich gedacht, gefühlt und gesagt habe. Ich weiß nichts darüber, wie es dazu kam, dass ich ihn nicht mehr gesehen habe. Wieso oder überhaupt wann sich der Gedanke manifestiert hat, dass er mich nicht mehr sehen will. Oder dass seine Frau mich vielleicht nicht bei sich haben will. Ich weiß nicht, ob vielleicht doch ich gesagt habe, dass ich ihn nicht sehen will, wobei ich mir das wirklich nicht vorstellen kann. Ich habe ihn geliebt. Ich wollte ihn zurück haben. Unbedingt! Die neue Frau wollte ich damals sicherlich nicht sehen. Aber ihn. Ich wollte ihn so gern zurück haben, das weiß ich! Deshalb bin ich mir eigentlich sicher, dass ich sowas nie gesagt haben kann. Aber wer weiß, was man durch die Verletzung doch so sagt…

Nach dem, was ich aber jetzt erfahren und gefühlt habe, hat er mich nie fallen lassen. Er muss gedacht haben, ich will ihn nicht mehr sehen. Später habe ich sogar seinen Namen abgegeben und den Mädchennamen meiner Mutter angenommen, weil ich immer noch so verletzt war. Das wiederum hat ihn sehr verletzt und getroffen, sodass er wahrscheinlich deshalb dann gar nicht mehr versucht hat, wieder Kontakt aufzunehmen. Das war deutlich, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Was grundsätzlich stimmte, denn ich wollte das Thema für mich endlich abschließen können. Mich schützen, weil es mich immer noch so tief getroffen hat.

Als er auf der Einschulungsfeier ankam, waren wir alle im Garten. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. Mir war so bewusst, dass meine Mutter da auch steht und mich hunderprozentig beobachtet. Ich war völlig überfordert und bin ins Haus gegangen, weil mir die Tränen gekommen sind. Vor Freude. Vor Überforderung. Auch ein bisschen vor Schmerz. Ich wollte auch nicht, dass es jemand mitbekommt, keine Szene in der Runde machen, deshalb bin ich rein gegangen.
Keine zwei Minuten später kam er hinterher. Wir standen uns kurz gegenüber, haben uns kurz angeguckt und dann kam er auf mich zugelaufen und ich bin auch auf ihn zugegangen und dann haben wir uns gedrückt und ich war einfach glücklich. Es war mir auch egal, dass ich geschwitzt war, obwohl ich dann ja immer nicht so auf Körperkontakt abfahre 😉 Ich wollte ihn nur festhalten und eigentlich gar nicht mehr loslassen und hab mir eine längere Umarmung eingefordert. Er wollte dann die Umarmung lösen, aber ich hab festgehalten und dann hat auch er mich noch mal fest gedrückt.

Ich weiß nicht mehr so richtig, was wir dann geredet haben. Es war so oberflächlich, irgendwie auch nur, um die Spannung zu lösen. Es hat gefragt, ob ich einen Freund habe, ob wir verheiratet sind, wieso nicht, wieso er nicht da ist… Eigentlich hat er mich gar nicht richtig antworten lassen, sondern gleich die nächste Frage gestellt. Er wollte irgendwie alles gleichzeitig wissen. Und ich stand da und musste die ganze Zeit vor Glück heulen.
Ich stand einfach nur da und hab nur reagiert, nicht selbst agiert. Ich kam mir vor, wie wieder 14. Als wäre die Zeit stehen geblieben und wir hätten da angeknüpft, wo wir aufgehört hatten. Das war ein ganz seltsames Gefühl. Ich bin erwachsen aber habe mich gleichzeitig klein, verletzlich und wie ein Kind gefühlt.
Als ich den ersten Schock überwunden und mich ein wenig beruhigt hatte, hat er mich an die Hand genommen und raus gebracht und mich seinem Sohn und seiner (inzwischen ja nicht mehr ganz so neuen) Frau vorgestellt. Das war seltsam. Echt. Die Frau, von der ich bis dahin dachte, sie wäre schuld an allem… Weil ich nicht glauben konnte und wollte, dass er oder ich schuld an allem sein sollen.

Meine Mutter saß derweil den ganzen Abend wie festgewachsen auf ihrem Platz und ich war mir ihrer Augen sehr bewusst. Deshalb hab ich mich viel zu wenig getraut, seine Nähe zu suchen. Aber ich hab ihm Gelegenheit gegeben, meine Nähe zu suchen. Als die Kinder zB. grad nicht im Planschbecken waren, bin ich da durchgewatet und hab die Abkühlung genossen und dann kam er zu mir und wir haben geredet. Ich weiß gar nicht mehr was… Ich weiß nur noch, dass ich ihn eigentlich die ganze Zeit nur anschauen wollte und mich eben wieder wie ein Kind gefühlt habe.

Meine Omi hat sich derweil länger mit seiner Frau unterhalten. Ein paar Dinge hat sie mir hinterher erzählt: Als sie ihn kennen gelernt hat, hat er zu ihr gesagt, dass sie sich darüber bewusst sein muss, dass er zwei Kinder hat. Zwei. Das schließt mich mit ein.
Das heißt sie hat nie zu ihm gesagt „Dein leibliches Kind kann gern her kommen, das andere nicht.“
Und er hat nie gesagt, dass er mich nicht mehr sehen will.

Trotzdem habe ich das gedacht. Und ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin.

Diese Erkenntnis lässt also nur den Schluss zu, dass er gedacht haben muss, dass ich ihn nicht mehr sehen will. Und das muss ich herausfinden, ob ich das jemals gesagt haben. Auch wenn ich mich an kaum etwas aus der Zeit erinnern kann und man im Streit oder aus einer Verletzung heraus Sachen sagt, die man hinterher bereut, das kann ich mir wirklich nur schwer vorstellen!

Was ich mir aber inzwischen vorstellen kann, ist,dass meine Mutter das zu ihm gesagt hat. Ich habe im Gespräch mit meiner Omi noch einiges über sie erfahren und ich hab auch mit meiner Schwester gesprochen… Es würde zu ihr passen. Er hat sie verlassen und durch eine jüngere ersetzt. Sie war in ihrem Stolz verletzt. Und das einzige, womit sie ihn dann richtig verletzen konnte, war mich ihm vorzuenthalten, weil sie wusste, dass er mich geliebt hat und wie gut unser Verhältnis war. Entweder hat sie ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr sehen will, oder dass er sich von mir fernhalten soll.
Der Gedanke kam mir erst am Wochenende und ich traue es ihr zu. Meine Omi traut es ihr zu. Meine Schwester traut es ihr zu. Alle beiden sagen unabhängig von einander, das es zu ihr passen würde.
Irgendwann finde ich es raus.
Jetzt bin ich erstmal glücklich, dass mein Papa wieder da ist.

13 Gedanken zu “If I could turn back time

  1. nephi88 schreibt:

    Ich finde es wirklich groß von ihm, dass er dir ins Haus gefolgt ist und ihr euren ersten Moment so zu zweit hattet. Das hätte nicht jeder geschafft, nach all den Jahren. Wirklich toll, dass ihr jetzt wieder Kontakt habt und er sich auch so freut, dich wieder in seinem Leben zu haben. Ich bin sicher ihr klärt das zwischen euch Stück für Stück und ich hoffe sehr, dass daraus kein Hass oder Ähnliches deiner Mutter gegenüber entsteht, weil sie damals verletzt wie sie war vielleicht falsch gehandelt hat.

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    • keschu schreibt:

      Im Nachhinein war ich auch total froh darüber, dass ich ins Haus gegangen bin. So waren wir in einem geschützten Rahmen. Ich wusste, dass mich keiner beobachtet und konnte mich so verhalten, wie ich es in dem Moment wirklich wollte.
      Und was meine Mutter angeht, ich weiß nicht, ob sie was damit zu tun hat. Es ist nur so ein Gefühl. Wenn es so war, dann ist mir schon klar, dass man im Streit oder auch durch Verletzung Sachen sagt, die man besser nicht gesagt hätte. Aber man muss die Größe haben, es richtig zu stellen.

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      • nephi88 schreibt:

        Ja genau, richtig gut dass er die Gelegenheit gleich ergriffen hat und dir hinterher gelaufen ist. Das zeigt ja, dass er genauso das Bedürfnis hatte, einen Moment mit dir allein zu haben. Für das erste Aufeinandertreffen ist das einfach perfekt, dass ihr euch den Moment einfach nur in den Arm nehmen konntet 🙂
        Ja das stimmt. Wenigstens jetzt im Nachhinein sollte sie sich dem Thema stellen können und ihre Sicht darlegen können, oder auch einen Fehler eingestehen können, wenn sie denn etwas falsches gesagt hätte.

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  2. schokohase schreibt:

    Wirklich ein rührender Bericht. Toll, dass du es geschafft hast dich den Blicken zu entziehen, und rein gegangen bist. Ich finde schon das allein, braucht viel Selbstreflexion und Gefühl für dich selbst. Das Band zwischen euch scheint immer noch da zu sein 🙂 schreibt ihr noch fleißig?

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