Hundepups

Ach man… was für ein riesengroßer Scheiß einfach… Danke für eure Kommentare… Es tut einfach so weh, es war einfach viel zu früh… Sie war noch nicht mal 11…

Ich hab so viele Gedanken im Kopf, ich mach mir so viele Vorwürfe und hab so ein schlechtes Gewissen. Das kommt ja immer, wenns zu spät ist. Und dann komm ich mir gleichzeitig scheinheilig vor… Ganz großes Gefühlschaos im Moment… Weil ich auch weiß, dass viele dieser Gedanken falsch sind und mich nur fertig machen. Aber ich kann sie nicht richtig abstellen.

Dienstag war ein ganz normaler Tag, es hat nichts darauf hingedeutet, dass sowas passiert…
Der Hund (ein Mädchen, deshalb schreib ich zwar „der Hund“ aber trotzdem „sie“) hatte vor drei Jahren quasi Brustkrebs. Wir hatten einen Knoten an der Zitze entdeckt. Der wurde operiert, die Milchleiste wurde entfernt und sie wurde gleich kastriert. Die OP hat sie gut überstanden, aber man hat nur eine Milchleiste entfernt, weil beide gleichzeitig nicht geht. Dann ist zu wenig Haut da, um die Wunde wieder zu verschließen. Dass man nur eine Seite rausgenommen hat, wussten wir nicht, wir dachten, es wird gleich alles entfernt. Und dass man die zweite Milchleiste dann ein paar Monate später rausnehmen lassen sollte, wussten wir auch nicht…
Das werfe ich mir zB vor. Hat der Tierarzt das damals gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Wieso hab ich das nicht gegooglet? Sonst google ich doch auch allen Scheiß?!

Damals haben wir uns nach der OP bewusst dazu entschieden, dem Hund keine Chemo-Medikamente zu verabreichen. Der Tierarzt hat gesagt, man kann das machen und er hätte damit viel Geld verdienen können, aber er hat uns gesagt, dass er es nicht machen würde. Bei der OP und auf den Röntgenbildern damals hat man nicht gesehen, dass es noch mehr Tumore gab, aber natürlich konnte man nicht ausschließen, dass der Krebs schon gestreut hatte. Aber wir wussten es nicht sicher und so haben wir entschieden, keine Medikamente pro forma zu geben. Dem Hund wäre es damit auch nicht gut gegangen und das wollten wir ihr ersparen.
Das werfe ich mir zB auch vor. Hätten wir es doch machen sollen? Hätte hätte…

Aber jetzt haben wir neulich neue Knoten an der anderen Milchleiste entdeckt und waren vergangenen Samstag deshalb wieder beim Tierarzt. Da hat er uns dann das mit der Haut erklärt und wieso man eben nur eine Seite rausgenommen hat damals. Der neue OP-Termin sollte nächste Woche sein und der Arzt meinte am Samstag auch noch, dass der Hund sonst einen sehr guten Eindruck macht, sehr fit und agil ist.
Und das war auch immer unser Eindruck. Sie wollte jeden Tag spielen, war überhaupt noch nicht träge… Klar uns ist aufgefallen, dass sie mehr schläft, als noch vor ein paar Jahren, aber sie ist ja eben auch älter und ein bisschen ruhiger geworden.

Am Dienstag kam sie nach Hause wie immer. Sie ist die Treppe hochgerannt, wie immer, sie hat ganz normal gefressen, wir waren auch noch wie immer Gassi und da war alles in Ordnung.
Irgendwann abends hat sie gekotzt. Das hat uns aber auch keine Sorgen bereitet, weil das ab und zu vorkam. Wieso auch immer. Manchmal hat sie halt gekotzt. Und die Kotze sah auch ganz normal aus, kein Blut oder irgendwas.
Ein weiterer Vorwurf. Hätte uns das zu denken geben sollen? Sie hat im Liegen gekotzt. Sonst ist sie eigentlich aufgestanden. Sie wollte hinterher auch keine Gurke fressen. Ich hab halt gedacht, sie kriegt ein Stück Gurke, weil sie jetzt Flüssigkeit verloren hatte und um ihr zu zeigen, dass es nicht schlimm war, dass sie in die Wohnung gekotzt hat… Aber die Gurke wollte sie nicht, obwohl sie Gurke immer supergeil fand. Mich hat das auch stutzig gemacht, aber ich hab mir nicht gleich Sorgen gemacht…

Wir waren ziemlich spät im Bett am Dienstag, der Hund hat immer im Arbeitszimmer geschlafen. Wenn wir ins Bett gegangen sind, ist sie immer mit aufgestanden und ist mitgekommen. So auch am Dienstag. Aber sie wirkte ein bisschen matt. Ich dachte halt, sie ist halt müde, ein bisschen platt, wird langsam älter, hat vorhin erst gekotzt…
Ich hab mir schon ein bisschen angefangen Sorgen zu machen. Ich hab im Bett noch gelesen und hab gehört, dass sie sich vor die Schlafzimmertür gelegt hat. Das hat sie selten gemacht. Wenn sie Angst hatte, zb. bei Gewitter, dann hat sie das gemacht. Ich wollte aber nie, dass sie mit im Schlafzimmer schläft, weil sie immer so laut geschmatzt hat und sich ständig umgedreht hat, geschnauft und ach ich bin dann halt ständig wach geworden…
Aber als sie sich vor die Schlafzimmertür gelegt hat, das hat sich so schlimm angehört, wie sie sich hat fallen lassen… das hat mir keine Ruhe gelassen. Ich hab plötzlich eine furchtbare Angst gekriegt, dass sie stirbt und dass wir sie dann morgens finden müssen.
So ging es mir damals bei meiner Katze. Das war so schlimm, soooooo schlimm… und ich hab mir noch ewig Vorwürfe gemacht, dass ich nicht bei ihr war, als sie gestorben ist… Den Fehler wollte ich beim Hund nicht machen.
Ich bin also aufgestanden, hab meine Decke mitgenommen und bin mit ihr ins Wohnzimmer gegangen. Sie wirkte schlapp. Ich hab mich auf den Boden neben ihrem Körbchen gelegt. Ich hatte zwar Angst, dass sie stirbt, aber ich hab gleichzeitig gehofft, dass ich total übertreibe. Dass ich nur wegen der Erfahrung mit meiner Katze so reagiere und dass meine Angst unbegründet ist…
Ich mach mir unglaublich Vorwürfe, dass ich nicht gleich gehandelt habe…
Ich hab also neben ihr gelegen, hab sie gestreichelt, beruhigend auf sie eingeredet… Ein wenig später ist sie aufgestanden und zum Napf gegangen, sie hat ein paar Schlucke getrunken und das hab ich als absolut gutes Zeichen gewertet. Aber so torkelig, wie sie zurück gelaufen ist zum Körbchen, und so apathisch, wie sie auf einmal gewirkt hat, das hat mir so einen Schrecken eingejagt, dass ich nach Tiernotdiensten gegooglet hab.

Leute, ich empfehle euch, macht sowas mal in einem ruhigen Moment und speichert die Nummern ab. Denn mitten in der Nacht mit der Angst und Sorge im Nacken… Hölle… Ich hab eine Tierklinik 10 Minuten entfernt gefunden, die aber ausgerechnet diese Woche nicht mit dem Notdienst dran war. Die Partnerklinik war 30 Minuten weg. Vielleicht 40. Ich hab da angerufen, hab gefragt, was ich machen soll. Hab den Verlauf des Abends geschildert. Hab gefragt, ob sie in meiner direkten Umgeben noch eine Notfallnummer kennt…
Sie hat mir die Nummer von einem mobilen Tiernotdienst gegeben, die hab ich dann angerufen, aber die hatten gerade keinen Tierarzt frei, der hätte kommen können. Die machen nämlich Hausbesuche.
Während dieses Telefonats ist der Hund im Körbchen umgefallen. Sie lag, aber hatte den Kopf gehoben. Und sie ist einfach zur Seite umgefallen. Das war so ein Schock.
Ich hab den Namenlosen geweckt und wieder die Tierklinik angerufen und uns angekündigt. Dann hab ich die Adresse ins Navi eingegeben, mich geärgert und mir Vorwürfe gemacht, dass ich nicht eher auf mein Gefühl gehört hab und hab grad meine Jacke angezogen, als der Namenlose den Namen vom Hund gerufen und sie geschüttelt hat. Sie hatte aufgehört zu atmen.
Ich hab noch mal die Tierklinik angerufen, sie hat uns per Telefon Anweisungen gegeben, wie man eine Herzdruckmassage und eine Beatmung macht, aber es war zu spät. Wir haben es nicht lange gemacht. Nur 5 oder 10 Minuten. Es war einfach zu spät.
Und ich mache mir Vorwürfe, dass ich in ihren letzten Momenten nicht da war. Dass ich mit telefonieren, anziehen und Navi eingeben beschäftigt war und nicht bei ihr war. Und das macht mich fertig und ich muss mir laut sagen, dass ich da war. Dass ich ja vorher da war. Und dass der Namenlose am Ende da war. Und dass wir alles versucht haben.

Es war 2 Uhr morgens. Wir saßen ungefähr eine Stunde vor der offenen Balkontür, weil wir den Hund mitsamt Körbchen draußen hingelegt hatten. Die Ärztin am Telefon hat gesagt, dass wir sie möglichst kühl lagern sollen, bis wir wie beerdigen können und dass wir das ruhig im Garten machen sollen, wenn wir die Möglichkeit haben. Sowas ist in Deutschland natürlich geregelt…
Wir hatten Skrupel die Balkontür zu zu machen und den Hund alleine draußen zu lassen. Irgendwo ganz tief in mir war die dumme Hoffnung, dass sie dann aufspringt und dann ist sie ausgesperrt… Irgendwann haben wir doch die Tür zu gemacht, haben einen Schnaps getrunken, haben auf der Couch gesessen und sind um halb 4 dann doch ins Bett gegangen.
Es war einfach surreal. Wir standen total unter Schock. Ich hab noch ein bisschen gelesen, weil ich noch voller Adrenalin war und nicht mit meinen Gedanken allein sein wollte… Als um 6 der Wecker anging war ich sofort wach und bin zum Balkon gegangen. Natürlich lag sie da noch so, wie wir sie abgelegt hatten. Natürlich stand sie nicht schwanzwedelnd draußen. Da hats richtig klick gemacht bei mir und die Tatsache, dass sie wirklich tot ist hat mich wie ein Schlag getroffen.

Gestern war ein richtiger Scheißtag. Ich stand völlig neben mir, hab auf der Arbeit nichts produktives gemacht. Ich hätte mir frei nehmen sollen. Aber dann wäre ich mit meinen Gedanken allein gewesen.
Wir haben sie gestern im Garten beerdigt, ein schönes Plätzchen, das ich von meinem Arbeitsplatz aus direkt sehen könnte, wenn nicht ein Busch im Weg wäre. Aber vom Wohnzimmer kann man es direkt sehen.
Der leere Platz, wo das Körbchen lag tut weh. Der Napf stand gestern noch da. Das Futter haben wir schon weggeworfen, das Wasser hab ich stehen lassen… Heute hab ich sie in die Spülmaschine gestellt, aber ich weiß nicht, ob ich sie schon wegräumen möchte.
Als der Namenlose gestern allein nach Hause kam, war das ganz schön scheiße. Dass kein Hund erwartungsvoll dasteht, wenn wir kochen (es könnte ja was runterfallen…), ist auch ganz schön scheiße. Dass keiner mitgetrappelt kommt, wenn wir ins Bett gehen ist scheiße.
Ich hab jetzt wirklich keinen Grund mehr rauszugehen, außer einmal die Woche zum einkaufen.

Gestern war ich irgendwie nur leer, heute kommen Trauer und Gedanken in Wellen.
Ich mache mir Vorwürfe, dass wir nicht jedes Wochenende riesengroße ausgedehnte Gassirunden gemacht haben, dass wir nicht viel öfter mit ihr in den Wald gegangen sind, dass wir nicht immer viel länger mit ihr gespielt haben, dass wir ihr nicht jedes verdammte Leckerli gegeben haben, das sie gern gewollt hätte. Dass wir sie nicht einfach komplett verwöhnt und verzogen haben. Total bekloppt, weil zu Lebzeiten will man so einen Hund nicht. Und im Nachhinein ist es einfach zu sagen, man hätte den Hund grenzenlos verwöhnen sollen. Nein, das wäre nicht gut gewesen, sie wär dann bloß fett und ungezogen geworden. Aber trotzdem hab ich solche Gedanken.
Es tut mir so leid, dass ich manchmal so genervt war von ihr. Es tut mir so leid, dass ich nicht viel viel mehr mit ihr geschmust habe, aber zum einen war sie nicht so doll verschmust und zum anderen hab ich allergisch reagiert. Es tut mir auch so leid, dass wir sie am Sonntag noch ein bisschen geschoren haben, weil sie allmählich wieder schafähnlich aussah und wir das vor der OP noch ein bisschen in Ordnung bringen wollten. Es tut mir wirklich so leid, dass wir ihr das nicht erspart haben, weil sie das immer so scheiße fand. Warum haben wir es dieses eine mal ausgerechnet nicht vor uns hergeschoben, aufs nächste Wochenende?
Ich mach mir so Vorwürfe, dass ich mir nicht gleich viel mehr Sorgen gemacht hab, und dass ich dann erst nur bei ihr gelegen hab und nicht gleich eine Klinik angerufen hab, obwohl ich mir dann ja schon größere Sorgen gemacht hatte.
Ich weiß, man darf das alles nicht denken. Wir haben sie ja verwöhnt. Sie hatte es ja gut bei uns. Und zwei Stunden früher in die Klinik fahren hätte vermutlich nur bedeutet, dass sie eingeschläfert wird und wir diese Entscheidung noch bewusst hätten treffen müssen. Dann wärs das gleiche Ergebnis gewesen, nur zwei Stunden früher. Hätte hätte… das darf man nicht denken. Ich versuche es auch immer gleich zu unterbrechen. Aber es fällt mir schwer.
Wir haben gestern den Tierarzt angerufen und den OP-Termin abgesagt. Er war auch schockiert, dass sie plötzlich gestorben ist. Nachdem wir ihm auch noch mal den Abend geschildert haben, tippt er darauf, dass sie ein Aneurysma hatte, das geplatzt ist. Das passt auch dazu, dass ihr Bauch sich irgendwann breiig angefühlt hat. Sowas ist halt unplanbar und es kann tumorbedingt gewesen sein. Wenn es gehalten hätte, hätten sie es am Dienstag bei der OP wohl gesehen. Vielleicht wäre es währenddessen geplatzt. Oder zwei Wochen später. Aber dann hätte sie den OP-Stress und ne Scheißwoche danach gehabt. Hätte hätte… Das war aber sowieso eine hintergründige Angst, dass sie sie aufmachen und gleich wieder zumachen, weil es „sich nicht mehr lohnt“. Weil der Krebs damals doch schon gestreut hatte und jetzt drei Jahre lang Zeit hatte zu wuchern.

Tja… es wird noch eine Weile dauern, bis es besser wird. Bis ich richtig wertschätzen kann, dass sie nicht alleine gestorben ist und dass ihr sicher einiges erspart geblieben ist. Und bis ich trotz mal genervt sein, trotz keiner täglichen 5km Riesengassirunden und unbegrenzt Leckerchen für mich selbst zufrieden sagen kann, dass sie es bei uns sehr gut hatte.

3 Gedanken zu “Hundepups

  1. nephi88 schreibt:

    Ach Mensch, jetzt hab ich ein Tränchen verdrückt… Zwischen dem letzten Arzttermin und Dienstag lag ja nun wirklich nicht viel Zeit. Und da nicht mal der Tierarzt etwas böses ahnte und sie auch an dem Tag eigentlich normal wirkte, brauchst du dir wirklich keine Vorwürfe machen. Ihr habt ihr damals sicher einiges an schmerzhafter Prozedur erspart, in dem ihr auf die Chemo verzichtet habt. Vielleicht wäre ihr Leben ein paar Jahre länger gewesen, hättet ihr alles investiert, was die Medizin so hergibt – aber mehr als auf sein Bauchgefühl zu hören, kann man eben auch nicht machen.
    Ich bin sicher sie hatte ein paar tolle Jahre bei euch. Ihr wart am Ende bei ihr und sie musste nicht lange leiden, das ist das allerwichtigste.
    Fühl dich gedrückt

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  2. sternenkratzer schreibt:

    Das tut mir so leid, wirklich total kacke das alles.
    Rückblickend sind einzelne Situationen oft ganz klar, aber ihr hattet euch ja zum Beispiel bewusst gegen diese Tabletten entschieden. Wer weiß, wie es ihr danach auch gegangen wäre und so hatte sie wenigstens noch ne schöne Zeit.
    Und du hast sicherlich auch in der Vergangenheit schon manchmal erlebt, dass es ihr net so gut ging. Ich denke, dass war dann einfach sehr schnell, dass sich das zugespitzt hat und es war völlig normal, dass du nicht gleich beim ersten Zeichen zur Klinik los bist.
    Wahrscheinlich hätten die dort auch nix anderes machen können, aber du hättest sie nochmal aus ihrer Umgebung raus reißen und in die Kälte jagen müssen. So konnte sie friedlich bei euch sein.

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