Frei von der Leber weg

Tag 217 im Home Office

(Achtung hier kommt viel mimimi kotz und jammer)

Der März ist zu mehr als der Hälfte um und heute jährt sich das Home Office. Seit einem Jahr arbeite ich also von zu Hause. Das hätte ich damals auch nie gedacht… Immer wieder gab es damals Verlängerungen um zwei Wochen und immer wieder hatte ich Angst, dass ich ins verhasste Großraumbüro zurück muss. Inzwischen kümmern mich die Ankündigungen, dass das Home Office bis dann und dann verlängert wird nicht, weil ich nicht glaube, dass ich so schnell wieder zurück komme. Und wenn, dann wird es auf freiwilliger Basis sein.

Tja, der Februar ist rum. Es war ein Achterbahnmonat. Der kürzeste Monat, aber gespickt mit den meisten Emotionen… Ich war ja eh schon in einer schwierigen Verfassung im Januar, aber dass unser Hund gestorben ist, hat mich dann richtig in ein Loch gerissen. Inzwischen gehts, aber manchmal muss ich trotzdem noch ein bisschen heulen.

Nachdem ich fast drei Wochen nur geheult, lethargisch rumgesessen und in die Luft gestarrt und mich zurückgezogen hab, hab ich auf den Rat meiner Freundin gehört und bin einfach spazieren gegangen. Auslöser war eigentlich, dass ich ein paar Tage vorher vom Einkaufen zurück kam, und der Sonnenuntergang über dem verschneiten Feld und in der eisigen Luft einfach wunderschön aussah. Also hab ich mich angezogen, hab mein Hörbuch angemacht und bin losgelaufen. Ich wollte ungefähr an die Stelle, wo ich mit dem Auto langgefahren war, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Da gibts eine Brücke, über die Felder kommt man ziemlich direkt hin, das sind ungefähr 2,5km von zu Hause.
Beim Losgehen hab ich mich eigentlich schon gehasst, weil ich solche Spaziergänge jeden Tag mit dem Hund hätte machen können, aber nur ganz selten gemacht habe… Der Hund war einfach immer den ganzen Tag in der Firma und da war er gut aufgehoben. Trotzdem hätte sie sich riesig gefreut, wenn ich jeden Tag oder wenigstens jeden zweiten Tag mit ihr spazieren gegangen wäre…
Unterwegs hab ich dann ausgerechnet auch megaviele Hunde getroffen… ganz schön ätzendes Gefühl, wenn man allein und sinnlos da rumläuft… Ein Hund hat mich angeguckt und ich hab ihn auch angeguckt und konnte auch nicht weggucken, was ihn dann wohl animiert hat auf mich zuzukommen. Der hat mich dann angesprungen und sich auf den Boden geworfen und wollte gekrault werden… da musste ich dann heulen.

Als ich dann an dieser scheiß Brücke angekommen war, sah der Sonnenuntergang wenigstens auch schön aus, aber dann musste ich ja zurück laufen. Und natürlich wurde es dann dunkel… irgendwie hatte ich das nicht so richtig durchdacht. Ich bin dann nämlich an der Straße zurück gelaufen, weil ich im Dunkeln nicht über die matschigen Feldwege laufen wollte. Es wurde immer dunkler, der Weg gefühlt nicht kürzer und dann hab mich mich noch mehr gehasst, weil ich so eine blöde Idee hatte und mir schon alles weh tat… am Liebsten hätte ich den Namenlosen angerufen, dass er mich abholt.
Weil ich am nächsten Tag Muskelkater hatte, hab ich gedacht, ich lauf gleich noch ne Runde, weil mir Bewegung immer gegen Muskelkater hilft. Am dritten Tag hab ich wieder eine kleine Runde gemacht, weil ich gedacht hab, ich könnte mir das irgendwie angewöhnen. Aber danach hatte ich dann keine Lust mehr zu laufen. Jetzt kenn ich ja quasi alle Wege in Laufnähe. Wo soll ich hingehen? Das war auch immer ein bisschen die Ausrede, wieso wir fast immer nur die gleiche Gassirunde gegangen sind. Weil es irgendwie auch nicht viele Möglichkeiten in der direkten Umgebung gibt. Und außerdem war immer noch der Gedanke und das Schuldgefühl so präsent, dass ich jetzt auf einmal spazieren gehe und das früher mit Hund nie gemacht hab.

Wie auch immer. Eine weitere Woche war übestanden und irgendwie sinnvoll gefüllt. Tatsächlich hat es mir ganz gut getan, mal raus zu kommen. Wenistens ab und zu sollte ich das wirklich mal machen. Und ich musste ja wenigstens auch nicht mit meinen Gedanken alleine sein, weil ich ein Hörbuch hatte. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch schlechter gefühlt.

Dann hatte ich Geburtstag und obwohl ich allen gesagt hatte, dass ich nichts will und nichts brauche, hat meine Mutter mir trotzdem ein riesen Paket geschickt, auf das ich dann schon mal aus Prinzip keine Lust hatte… Aber das hängt mit ihrer Person zusammen.
Das Ding ist, sie hatte ein Geschenk für mich. Trotzdem hat sie mich dann noch gefühlt 20x gefragt, was ich mir denn wünsche, weil sie in ihrem beschränkten Kopf wieder denkt, das Geschenk wäre nicht genug. Nicht groß genug und erst Recht nicht teuer genug… eine Diskussion, die ich schon tausend mal mit ihr geführt habe. Aber sie kriegt es einfach nicht in ihren Schädel, dass es bei Geschenken auf den Geste und nicht auf den Preis ankommt.
Jedenfalls waren in dem Paket zusätzlich zu dem eigentlichen Geschenk noch mehrere kleine Päckchen, in die dann Süßigkeiten, Likör und Kram eingewickelt war… alles einzeln. Ach ja und der Namenlose hatte auch ein Geschenk dabei, damit er nicht nur zugucken muss, wie ich auspacke… ja, der hätte sonst bestimmt angefangen zu weinen.

Ach, ich bin gemein. Bei jedem anderen hätte ich es nett gefunden, wenn für ihn was mit dabei gewesen wär. Aber das geht bei ihr nicht. Und das Geschenk hat mich auch fertig gemacht… Und nicht im positiven Sinne. Sie hat was selbst gemacht und ich kann mir richtig vorstellen, wie sie da Spaß dran hatte uns ich gefreut hat, dass sie das für mich macht und wie stolz sie dann war und hofft, dass ich mich freue… und ich kann es einfach nicht wertschätzen. Ich will es nicht wertschätzen. Weil ich mich von ihr nicht wertgeschätzt fühle und immer nur das Gefühl hatte, ich bin ihr zu viel und unerwünscht. Ich weiß, dass ihr das heute leid tut und dass sie da heute drunter leidet und das gern wieder gut machen würde. Aber es geht verdammte scheiße nun mal nicht! Und ich bin nicht bereit, es einfach unter den Tisch zu kehren.
Eher im Gegenteil. Ich hab im letzten Jahr so viel über die Situation mit ihr nachgedacht und mir sind so viele Sachen bewusst geworden, dieses Ablehnungsgefühl ist so präsent in mir, dass es einfach alles überlagert. Ich kann und will es nicht ausblenden und ich will das Geschenk beschissen finden und am liebsten hätte ich es direkt in den Müll befördert, aber dazu bin ich zu anständig. Da ist noch genug Skrupel in mir, dass ich mich das nicht traue. Also steht es jetzt im Karton im Schrank. Ich will es nicht sehen, schon gar nicht benutzen. Einfach vergessen, dass es da ist.

So und jetzt überlege ich, ob ich diesen Absatz wieder lösche, weil ich mich schlecht fühle, sowas so offen zu sagen… Ich komme mir undankbar vor… na ja…

Tja und generell ist es auch grad irgendwie schwierig. Ich stelle momentan vieles in Frage… Besonders die Beziehung zum Namenlosen. Seit Wochen habe ich das Bedürfnis auszubrechen. Am liebsten würde ich mir mal für 4 Wochen eine Ferienwohnung an der Ostsee mieten und mein Home Office dort hin verlagern. Eine Zeit lang ist mir hier extrem die Decke auf den Kopf gefallen. Im Moment geht es wieder, aber der Gedanke an eine eigene Wohnung ist trotzdem noch ziemlich präsent in mir. Und das zieht natürlich Gedanken nach sich. Ich will ausziehen. Will ich auch Schluss machen? Ich weiß es nicht.
Fakt ist, dass mich viele Sachen und Kleinigkeiten immer mehr stören und aufregen. Ich sag ihm das immer wieder, aber so richtig ändert sich da nichts und wenn ich es zum dritten mal angesprochen hab, komm ich mir langsam auch blöd und nörgelig vor.
Fakt ist aber auch, dass wir uns ja nicht streiten oder sonst irgendwie blöd anmachen. Bis auf diese Kleinigkeiten verstehen wir uns ja. Und diese Kleinigkeiten nerven mich auch unterschiedlich doll. Je nach dem, wie die Grundstimmung bei mir ist. Deshalb weiß ich nicht, ob ich dem ganzen eine so schwerwiegende Bedeutung geben soll. Wird es besser, wenn ich ausziehe? Zumindest ist mein Bad dann sauber und in der Küche nichts verkleckert. Aber macht mich das glücklicher? Jetzt will ich lieber alleine sein, aber wenn ich es dann wirklich bin? Wenn ich dann immer alleine essen muss… würde ich für mich allein überhaupt was kochen? Ist es nicht total deprimierend, wenn man dann am Wochenende alleine zu Hause rumgammelt?
Eigentlich will ich das alles nicht in Frage stellen. Wir verstehen uns ja gut, wir haben den selben Humor, wir haben sehr ähnliche Vorstellungen so ganz generell vom Leben. Trotzdem drängen sich doch immer wieder Fragen in den Vordergrund. Ob wir nicht einfach nur noch aus Gewohnheit zusammen sind. Weil wir die Vorzüge zu schätzen wissen und weil es bequem ist… Ich kann auch überhaupt nicht einschätzen, wie er das ganze sieht. Vielleicht empfindet er das genauso wie ich. Vielleicht fällt er aber auch aus allen Wolken und ist komplett vor den Kopf gestoßen, wenn ich das anspreche. Ich müsste es ansprechen, aber ich weiß nicht wie. Also lass ich es…