Der Super-GAU

Tag 229 im Home Office

Nach vielem nachdenken, reflektieren, mich doch mal einer Freundin anvertrauen, reden, nachdenken und reflektieren, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mein Ausbruchswille und das teilweise extremste Genervtsein von Kleinigkeiten doch Symptome sind, die auf das Ende der Beziehung hindeuten. Je mehr ich diesen Gedanken ausgesprochen und zugelassen habe, desto klarer wurde mir mein Wunsch: Ich möchte diese Beziehung nicht mehr. Ich liebe ihn nicht mehr. Deshalb ertrage ich auch die körperliche Nähe nicht mehr, deshalb nervt es mich so abartig, wenn er was dreckig macht, was ich gerade eben sauber gemacht habe.

Das Eingeständnis ist aber noch weit entfernt davon, es auszusprechen und durchzuziehen… aber natürlich belastet der Gedanke. Will ich 9 Jahre einfach so wegschmeißen? Gibt es wirklich keine Chance mehr? Will ich dem ganzen keine Chance mehr geben? Ich muss mit ihm reden. Aber wie? Wie soll ich das sagen? Und vor allem, was denkt er? Das finde ich natürlich ohne Gespräch nicht raus. Aber wie führt man dieses Gespräch? Und wann? Garantiert nicht an einem Sonntagabend. Oder Montag nach der Arbeit… aber es gibt den richtigen Zeitpunkt natürlich nicht.

Es gab zig vertane Chancen und bei jedem Mal hab ich mir stärker in den Arsch gebissen, dass ich es nicht einfach sage. Inzwischen hatte er natürlich gemerkt, dass etwas nicht stimmt und hatte nachgefragt. Also hab ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr liebe und nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte. Und ich habe gesehen, wie es ihn schockiert hat und wie etwas in ihm zerbrochen ist… Es war natürlich auch nicht die beste Wortwahl. Ich hätte es anders ausdrücken können, aber ich war so unter Druck, dass ich es schon tagelang vor mir hergeschoben habe und ich wusste, das Zeitfenster, es jetzt zu sagen, wird immer kleiner… ich habs einfach nur loswerden wollen…

Spoiler: wir trennen uns nicht, wir wollen es noch mal versuchen. Ich will es noch mal versuchen.

Das Osterwochenende war emotional sehr aufwühlend, auch für mich. Wir haben so viel geredet, wie noch nie, würde ich sagen. Wir haben ganz offen geredet, über alles, wirklich alles. Auch über Sachen, über die wir sonst wahrscheinlich nie gesprochen hätten, die auch unangenehm sind, die dem anderen vielleicht auch weh tun.
Natürlich war es für ihn am wichtigsten zu wissen, warum ich ihn nicht mehr liebe. Und seit wann. Aber das kann ich ihm nicht beantworten. Es gibt rational keinen Grund. Alltag, sich selbstverständlich nehmen, sich nicht mehr viel umeinander bemühen. Und zwar ich genauso wie er. Nur dass das mit mir eben was gemacht hat. Dass ich mich dabei unbewusst emotional zurück gezogen habe. Das Ding ist: Ich war der Meinung, dass er es genauso sieht wie ich, dass er mich auch nicht mehr liebt und dass wir nur noch aus Gewohnheit und Bequemlichkeit zusammen sind. Aber ich hab ihn da total falsch eingeschätzt. Weil er es mir aber auch nicht mehr gezeigt hat, dass es anders ist.
Aber ich will gar nicht mit Schuldzuweisungen anfangen.
Ich will es also noch mal versuchen. Natürlich ist mir und auch ihm klar, dass man Gefühle nicht einfach an und aus schalten kann, und dass man sie nicht erzwingen kann. Und uns und vor allem ihm ist bewusst, dass es auf eine erneute Verletzung für ihn hinauslaufen könnte. Ich hab auch Angst davor, ihm Signale zu senden, die er falsch interpretiert. Ich hab Angst, dass er so viel Hoffnung hat, die am Ende doch enttäuscht wird. Ich kann halt nicht sagen, ob bei mir wieder was aufflammt. Aber ich weiß auch, was ich an ihm hab, ich schätze ihn ja auch sehr – aber momentan eben eher als Freund, denn als Mann. Und ich möchte ich 9 Jahre eben nicht einfach so wegschmeißen. Ich muss aber eben schauen, ob nicht einfach nur die Nähe und Vertrautheit, die sich durch die intensiven Gespräche am Wochenende wieder angefangen hat zu zeigen, mit Liebe verwechsle. Aber das sehen wir in ein paar Wochen oder Monaten.